Die Fremde im Spiegel

Mit einer Abnahme von drei Kilo, befinde ich mich in einer Phase, in der erste Anzeichen des Erfolgs schon zu ahnen, aber noch nicht wirklich sichtbar sind. Ich streiche mit der Hand über meine Schulter, den Nacken. Es fühlt sich anders an, ungewohnt. Ich bin mir nicht sicher. Fühlt es sich anders an als vorher, spüre ich mehr Knochen oder bilde ich mir alles nur ein? Ist mein Gesicht tatsächlich schmaler? Meine Handgelenke schlanker?

Bei meiner ersten großen Abnahme mit Weight Watchers schmolzen die Pfunde nur so dahin. Es war fast, als könnte ich nicht nur die Veränderungen an sich, sondern sogar den Prozess der Veränderung selbst wahrnehmen. Ich schaute morgens in den Spiegel und war überrascht. Nur winzige Kleinigkeiten hatten sich verändert, nicht groß genug, um sie zu benennen zu können, doch sie ließen mein Spiegelbild fremd erscheinen. Das war nicht ich, dort im Spiegel, nicht die Laura, die ich kannte.

Die Veränderung meines Körpers zu spüren war unglaublich und wirkte fast wie ein Suchtmittel. Unvergessen der Tag, an dem ich zum ersten mal Daumen und Mittelfinger um mein Handgelenk legen konnte. Später Daumen und Zeigefinger. Das Gefühl, mit viel zu großen Ringen die Finger hinauf und hinab zu gleiten, zu spüren, wie meine Brüste nicht mehr aufliegen, zu merken, wie die Oberschenkel beim Gehen nicht mehr aneinander reiben. Das zu spüren ist großartig und erschreckend zu gleich. Ist dies noch mein Körper?

Auch mein Spiegelbild faszinierte mich. Dinge, die mich vorher abschreckten, bodenlange Wandspiegel, zogen mich magisch an. Ich drehte und wendete mich, wollte mich aus jedem Winkel betrachten, jede Veränderung entdecken. Es passierte auch, dass ich in der Stadt aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrnahm, hinschaute und meine Reflektion in einer Schaufensterscheibe sah. Mehr als einmal blieb ich stehen, fassungslos: “Das kann nicht sein. Das bin nicht ich.”

Manchmal ertappe ich mich dabei, mit meiner Abnahme zu hadern. Es scheint dieses mal so unendlich langsam zu gehen. Wo ist der Morph-Effekt, wenn ich in den Spiegel schaue? Wo ist der sichtbar schmelzende Bauch? Wo sind die losen Ringe?

Manchmal bin ich dankbar, denn im Spiegel sehe ich immer noch mich selbst.

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