Dankbarkeit

Es ist gekommen und lebt sich ein.

Der gute Post-Mensch hat wahrscheinlich gedacht, ich hätte sie nicht mehr alle, als ich ihm breit grinsend ein lautes “Danke! Danke!” entgegen jubelte.

***

Ich weiß nicht mehr wann es war, gestern oder vorgestern, da bin ich durch die Programme geswitcht und ganz kurz, nicht mal eine Minute, auf Kabel 1 oder RTL 2 hängen geblieben.

Ein sehr, sehr dicker Mann müht sich von seiner Haustür bis zum Bürgersteig, wo er sich keuchend an einem Laternenpfahl festhält. Der gewaltige Bauch reicht ihm bis zu den Knien, die Proportionen sind fast grotesk verzerrt. Eine Reporterin fragt aus dem Off, warum er stehen geblieben sei, wie er sich fühle.

Er habe Knieschmerzen, antwortet der Mann.

Ich schaltete weiter und kurz danach ab. Weil ich ohnehin nichts mehr gucken wollte, weil ich nicht Zuschauer in einer menschlichen Freakshow sein wollte, weil es mir gut ging und ich wollte, dass es so bleibt, aber auch, weil ich etwas fühlte, von dem ich nicht wusste, ob ich es fühlen durfte. Riesengroße Dankbarkeit.

Dankbarkeit ist ein Gefühl, das ich meinen Körper gegenüber nicht oft verspürt habe. Gut, vielleicht ist das nichts besonderes, denn wieviele Menschen sind ihren Körpern schon dankbar? Kann man einem Körper dankbar sein? Aber ich bringe meinem Körper Gefühle entgegen. Meistens negative Gefühle: Ekel, Abscheu, Frustration, Enttäuschung, Ungeduld, ein difuses Unwohlsein.

Der Mann im Fernsehen hat mir gezeigt, wie viel es gibt, wofür ich dankbar sein kann. Ich kann weite Strecken gehen. Ich passe in Sitze von Bussen und Bahnen. Ich kann im Stehen meine Füße sehen, meine Schuhe binden, meinen Hintern abwischen. Ich kann Treppen steigen, meine Beine überschlagen, passe hinter Lenkräder und in meine Dusche (und Badewannen). Ich bin, so weit ich weiß, gesund. Ich habe keine Diabetes, keine Rücken- oder Knieschmerzen, ich kann Kinder bekommen.

Selbst mit meinem Höchstgewicht konnte ich das alles. (Na ja, in der Badewanne wurde es langsam eng). Selbst in Zeiten, in denen ich mich habe gehen lassen, in denen ich gefressen und geheult habe, in denen ich mich häßlich, fett und verloren fühlte, konnte ich das alles.

Es gibt so viel, wofür ich dankbar sein kann. Es geht mir gut.

2 Kommentare

Kommentiere diesen Eintrag